Adventskalender

Cookies & Chocolate Eyes

Alice Emily Wilson, eine willensstarke, englische Studentin, ließ sich erschöpft auf ihren grauen Sitzplatz im Zug nach Birmingham niedersinken, ohne dabei einen schweren Seufzer zu unterdrücken. Nach einem schweißtreibenden Bahnhofsmarathon, bei dem es tatsächlich fast um Leben oder Tod ging, hatte sie es glücklicherweise doch noch geschafft, ihren Zug zu erwischen. Nicht auszudenken, was Alice sich von ihrer Mutter hätte anhören müssen, wenn sie zu spät zum heutigen Familienessen gekommen wäre. Umso erleichterter ließ sich die 23-jährige Frau in ihren Sitz zurücksinken.

All diesen Stress hatte sie nur einer einzigen Person zu verdanken und zwar einem jungen Mann mit einem dunklen Haarschopf, der sie mitten im Bahnhof mit voller Wucht angerempelt hatte. Als Folge dieses Zusammenstoßes, hatte sie ihre gesamten Sachen fallen gelassen. Anstatt ihr beim Aufheben zu helfen, ging er einfach weiter, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzudrehen. Verärgert und genervt startete Alice daraufhin ihren Bahnhofsmarathon. Nach einem Moment des durchatmens, richtete Alice sich wieder auf und begann ihren Laptop, ihr Handy, sowie ihre Kopfhörer auszupacken. Sie hatte noch ein paar Dinge für die Uni zu erledigen, bevor sie sich voll und ganz auf das Wochenende mit ihrer Familie konzentrieren konnte. Auf diese 3 Tage freute sie sich schon seit Wochen. Seit sie vor 4 Jahren von Zuhause ausgezogen war und an die City University London ging, sah sie ihre Mutter, die im 163 km entfernten Birmingham lebte, nur noch relativ selten. Da Alice jedoch auch nicht vorhatte, nach ihrem Studium London zu verlassen, würde sich diese Tatsache wohl in allzu naher Zeit nicht ändern.

„Entschuldigung, ist hier noch frei?“ Verwundert hob Alice den Blick. Vor ihr stand ein junger Mann, der es nicht einmal als notwendig erachtete, den Blick von seinem Handy loszureißen, während er mit ihr sprach. Abschätzig musterte sie ihn von oben bis unten. Sein muskulöser, aber doch schlanker Oberkörper steckte in einem dunkelblauen Rollkragenpullover, der hervorragend mit seinen dunklen Haaren harmonierte. Sein Kinn war markant und von einem leichten Dreitagesbart Bart überzogen. Leicht geschwungene Lippen und eine gerade Nase machten seine Gesichtszüge nur noch perfekter. Perfektion – an sich ein Wort, dass Alice, so gut es eben ging, aus ihrem Wortschatz zu streichen versuchte, denn nichts auf dieser Welt war perfekt. Alles hatte einen Makel – jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze und genau das machte die Welt ja auch so wunderschön. Denn wäre alles und jeder perfekt, dann wäre es einem nicht mehr möglich, die schönen Dinge im Leben wert zu schätzen. Perfekt bedeutet langweilig. Diese Meinung vertrat Alice schon seit sie als Jugendliche anfing, dieses ganze gesellschaftliche Konstrukt der Perfektion anzuzweifeln. In ihren Augen gab es absolut niemanden, der perfekt war. Aus genau diesem Grund musterte sie den jungen Mann gegenüber noch einen Moment länger und da bemerkte sie es. Kleine Makel, die seine Perfektion zerstörten und ihn in ihren Augen nur noch attraktiver machten. Seine Ohren, rechts sowie links, waren an der Spitze leicht gebogen, so als hätte jemand sie abgeknickt. Elfenohren – schoss es Alice durch den Kopf. Keine Frage – der Mann vor ihr war überaus attraktiv und leider aber auch überaus bekannt. Denn es handelte sich bei besagter Person um den unverschämten Menschen, der sie am Bahnhof angerempelt hatte. Sie ließ ihren Blick zurück zu seinem Gesicht schweifen und antwortete schlicht: „Nein.“

Schokoladenbraun – das war das erste was sie sah, als er seinen Kopf hob. Seine Augen waren schokoladenbraun. Und sie musterten Alice mit solch einer Intensität, dass ihr augenblicklich im ganzen Körper heiß wurde. Mit dunkler Stimme antwortete er: „Aha und wer genau sitzt hier?“ Ein Schnauben entwich der Studentin, als sie sich zum Fenster wandte und währenddessen meinte: „Nicht Sie.“ Es hatte angefangen zu schneien. Der Schnee flog sanft vom Himmel und ließ die Welt fast wie eingefroren wirken. Alice hatte den Winter immer schon geliebt. Er war Ende und Anfang, Gut und Böse, schön und beängstigend zugleich. Wahrhaft eine faszinierende Zeit. Ein empörter Laut entwich ihr, als sie beobachtete, wie sich der dunkelhaarige Mann einfach auf den Sitz ihr gegenüber sinken ließ und demonstrativ ihr Gesagtes ignorierte. Sie wollte schon anfangen zu protestieren, als ihr plötzlich auffiel, wie nervös sie war. Stumm starrte sie vor sich hin und bemerkte dadurch auch, dass ihr Herz ungewöhnlich schnell in ihrer Brust klopfte. Was war nur los mit ihr? Da sie sich selbst als Realistin bezeichnete, glaubte sie weder an das Konzept der wahren Liebe, noch an das typische Herzklopfen bei dem Anblick einer bestimmten Person. Liebe war nur ein Hirngespinst, hatte ihre Mutter ihr immer beigebracht. Ihre Mutter, Grace Wilson, eine überzeugte Single Frau, die nur ein einziges Mal in ihrem Leben ansatzweise etwas für einen Mann empfunden hatte und zwar Alices Vater. Als jedoch dieser Grace verließ, nachdem sie herausfand, dass sie schwanger war, schrieb Alices Mutter der Liebe ab und lebte seitdem, glücklich in einem süßen kleinen Reihenhaus, umgeben von ihrer Familie und ihren Freunden. Obwohl Grace immer versucht hat, ihre Meinung über Liebe nicht auf ihre Tochter zu übertragen, gelingt ihr das nur spärlich. Alice hatte in ihrem Leben zwar schon einige Beziehungen, jedoch nichts, was länger als ein paar Monate hielt und mehr als Lust in ihr hervorrief. Wahrscheinlich provozierte ihr gegenüber sie einfach mit seiner Art dermaßen, dass ihr Blutdruck in die Höhe geschossen war. Keinesfalls lag es an diesen dunkelbraunen Augen, hinter denen sie das Gefühl hatte seine Seele zu erkennen.

Alice zwang sich zur Konzentration und begann, an ihrem Essay zu arbeiten. Einige Sekunden vergingen, bis ihr auffiel, dass der junge Mann ihr gegenüber sie unentwegt anstarrte. Sie dachte sich nichts weiter dabei. Als er jedoch nach mehreren Minuten den Blick immer noch nicht von ihr abwandte, blickte Alice wie automatisch zurück zu seinem Gesicht. Überfordert mit der gesamten Situation und insbesondere mit ihren Gefühlen, meinte Alice einfach nur harsch: „Darf ich fragen, wieso du mich so anstarrst?“ Jedoch schreckte ihn das, entgegen Alice Vorstellung, nicht ab, sondern zauberte nur ein schelmisches Grinsen auf sein Gesicht. „Ich hab nur die Aussicht genossen.“ Diesmal überraschte anscheinend sie ihn, indem Alice laut anfing zu lachen. „Du willst mir doch gerade echt nicht weismachen, dass dieser Spruch schon jemals bei irgendeinem Mädchen funktioniert hat.“ „Du wärst überrascht, wie viele es sind“, antwortete er. Kopfschüttelnd meinte sie: „Das kann doch echt nicht wahr sein. Wir Frauen machen es den Männern einfach zu leicht.“ Diesmal musste er lachen. „Im Notfall hätte ich auch noch ein paar andere Sprüche auf Lager, aber lass mich doch einfach mal mit meinem Namen beginnen. Ich bin Noah Davis und mit wem habe ich die Ehre?“ Einen Moment lang blieb Alice ganz still und musterte Noah einfach nur. Es war offensichtlich, dass Noah ein viel zu großes Ego hatte und nicht zu vergessen, ein Mann war, der Frauen am Bahnhof umkrempelte und ihnen dann nicht einmal half. Deswegen beschloss sie spontan, sich einfach ein wenig Spaß mit ihm zu erlauben. Mit einem zuckersüßen Lächeln im Gesicht nahm sie seine Hand in ihre und antwortete: „Freut mich sehr dich kennenzulernen, Noah. Ich bin… absolut nicht interessiert.“

Augenblicklich verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck. Eindeutig ein Mann, der es nicht gewohnt war, zurückgewiesen zu werden. Mit ernster Miene fragte er: „Okay, raus mit der Sprache. Was hab ich dir getan, dass du mich so hasst.“ Ein genervtes Schnauben entwich ihr: „Ich würde nicht sagen, dass ich dich hasse. Immerhin bist du ein fast komplett Fremder und es wäre eine totale Verschwendung meiner Zeit, dich zu hassen. Sagen wir es einfach mal so, jemand wie du, der komplett ignorant durch diese Welt marschiert, ohne Rücksicht auf andere Menschen zu geben, ist mir gleichgültig.“ Einen Moment lang schaute Noah Alice einfach nur sprachlos an. Sie konnte förmlich beobachten wie sich sein Kiefer anspannte. Sein Kopf sank nach unten. Während sein Blick fest auf den Tisch gerichtet war, antwortete er: „Du bist die Frau, die ich am Bahnhof angerempelt habe, oder?“ „Sehr gut erkannt, Sherlock.“ Ein frustrierter Seufzer entwich dem jungen Mann. Nach einigen Sekunden des Schweigens meinte er: „Du hast ja vollkommen recht. Obwohl ich weiß, dass du wahrscheinlich keine lahme Ausrede hören willst, kann ich dir nur erklären, wie es dazu kam. Du musst wissen, dass ich vor kurzem erst mein Studium beendet habe und seitdem in einer Anwaltskanzlei arbeite. Ich weiß, dass meine Mitmenschen nichts dafür können, aber mein Chef treibt mich einfach in den Wahnsinn. Ich schiebe jeden Tag mehrere Überstunden und muss auch in meiner Freizeit 24/7 erreichbar sein. In den letzten Monaten bin ich einfach dauer gestresst. Es tut mir aufrichtig leid, dass ich dir nicht geholfen habe.“ Die Luft entwich ihr stoßartig, als sie Noah musterte. Er war anscheinend doch nicht ganz so ignorant, wie sie vor ein paar Minuten noch angenommen hatte. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Also na gut, Noah Davis. Ich verzeihe dir…“ Augenblicklich hörte sie den jungen Mann aufatmen. „… Aber nur unter einer Bedingung!“ Es bildete sich eine Furche zwischen seinen Augenbrauen, während er fragte: „Und die wäre?“Alice verzog ihre Lippen zu einem breiten Grinsen: „Wenn du mir versprichst, während dieser Zugfahrt dein Handy auszuschalten und einfach nur eine erholsame Konversation mit der schönen Frau dir gegenüber zu führen.“ Selbstbewusst zwinkerte sie ihm zu und beobachtete, wie sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitet. „Absolut nichts lieber als das“, antwortete er schon fast atemlos.

Für eine Sekunde verhakten sich ihre Blicke ineinander. Unterbrochen durch einen aufgeregten Noah, der meinte: „Ich hab sogar eine Kleinigkeit zur Wiedergutmachung.“ Überrascht hob Alice eine Augenbraue. Grinsend wandte der junge Mann sich zu seiner Tasche und begann darin herumzukramen. Neugierig richtete sich Alice ein wenig auf und sah, wie Noah eine kleine Dose aus seiner Tasche zog. Kaum hatte er den Deckel von der Dose entfernt, stieg ihr der Duft von frisch gebackenen Keksen in die Nase. Ein kleiner Fluch entwich Alice. Verdammt, dieser Mann wusste, wie man eine Frau glücklich machte. Noah musterte sie mit einem wissenden Lächeln und meinte: „Zwei der, meiner Meinung nach, weltbesten Kekse für deine Vergebung und deinen Namen, den ich übrigens immer noch nicht kenne. Wie sieht’s aus?“ Ein breites Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht, als sie sich eilig zwei Kekse schnappte und von dem einen sofort abbiss. Ein wohliges Seufzten entwich ihr, als sie tatsächlich den weltbesten Keks aß. Nachdem sie beide verschlungen hatte, schaute sie auf und traf auf Noahs Blick. Lächelnd meinte sie: „Du musst mir verraten, woher du die hast.“ Wissend musterte er sie und antwortete: „Zuerst schuldest du mir noch deinen Namen.“ „Alice Wilson“, meinte die junge Frau. „Die Alice?“, fragte er mit gespielt überraschter Miene. Sie musterte ihn mit finsterem Blick, was ihm einfach nur ein Lachen entlockte. „Okay, ich verstehe schon. Keine Alice im Wunderland Anspielungen. Zu schade.“ Noah beginnt herzhaft zu lachen. „Da musst du aber ein wenig Rücksicht mit deinen Mitmenschen haben. Du heißt nicht nur gleich, sondern siehst ihr auch noch sehr ähnlich. Dadurch forderst du es ja schon fast heraus.“ Beleidigt meinte Alice: „Tu ich gar nicht!“ Anstatt weiterhin mit ihr zu diskutieren, hob Noah einfach nur eine Augenbraue hoch und fragte: „Keks?“ Ein empörtes Schnauben entwich Alice. Der glaubte anscheinend echt, dass er sie einfach mit einem Keks beruhigen konnte, so als wäre sie ein fünfjähriges Kind. Leider waren die Kekse wirklich lecker, darum nahm sie sich, trotz der lauten feministischen Stimme in ihrem Kopf, einen weiteren, musterte Noah dabei aber mit einem möglichst finsteren Blick.

Der junge Mann ignorierte Alices Blick einfach und sprach: „Wohin geht die Reise überhaupt?“ Glücklich, aufgrund des Kekses in ihrer Hand, antwortete sie: „Birmingham.“ „Super, ich fahr auch bis Birmingham. Das heißt, ich habe 2 Stunden Zeit, dich von meinem Charme zu überzeugen.“ „Oh Gott. Jemand muss mich retten“, antwortete Alice lachend. Noah zog einen Schmollmund und fragte gespielt traurig: „Bin ich denn so schlimm?“ Alice tippte sich mit dem Zeigefinger gegen das Kinn und tat so als würde sie überlegen. „Naja, die Kekse retten schon einiges.“ „Puh, da hatte ich aber noch einmal Glück.“ Grinsend schaute Alice ihn an. „Da hast du recht.“ Ihr spielerisches Geplänkel wurde unterbrochen, als eine ältere Frau mit einem Servierwagen an ihnen vorbeifuhr. Verwundert beobachtete Alice wie Noah die Hand hob, um der Frau zu signalisieren, dass er was kaufen wollte. Nachdem der Servierwagen neben ihnen Halt machte, beugte sich der junge Mann ein wenig vor. Mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht meinte er: „Für mich und die Dame bitte zwei Tassen Tee mit Milch, danke.“ Überrascht schaute Alice Noah an. Hatte sie hier überhaupt noch ein Mitspracherecht? Sie war eine eigenständige Frau, die sich selbst einen Tee bestellen konnte, wenn sie wollte.

Passend zu ihrer Einstellung bezüglich Liebe, glaubte Alice auch nicht an den Zwang eines Mannes, unbedingt ein Gentleman sein zu müssen. Sie konnte ihre Tür selbst öffnen, ihren Stuhl selbst verschieben und ihr Essen selbst zahlen. Klar, genoss sie es ab und zu gerne Mal ein wenig, von einem Mann verwöhnt zu werden, aber auch nur dann, wenn sie die Chance bekam, diesen Gefallen zu erwidern. Die kleine Feministin in ihr wehrte sich verheerend gegen das typische Mann- und Frauenbild. Alice holte schon Luft, um Noah eine Standpauke zu halten, als dieser einfach nur meinte: „Ich hab dir gleich einen Tee mitbestellt, ich hoffe das ist okay. Ich dachte mir einfach, dass er gut zu den Keksen und dem kalten Wetter passt.“ Diese zwei Sätze nahmen Alice komplett den Wind aus den Segeln, als sie stumm auf die dampfende Tasse vor ihr starrte und versuchte ihr klopfendes Herz zu beruhigen. Hallo? Kleine Feministin? Wo zur Hölle bist du, wenn man dich mal braucht? Die junge Studentin beobachtete fasziniert, wie Noah vorsichtig in seinen Tee blies und dann einen Schluck nahm. Seine Zunge fuhr sanft über seine Oberlippe, um einen Teetropfen zu entfernen. Eilig wandte Alice den Blick ab, hob ihre Tasse und versteckte ihre erhitzten Wangen dahinter.

„Also, Alice. Darf ich fragen, was genau dich nach London verschlagen hat?“, fragte Noah. Augenblicklich wich jegliche Farbe wieder aus ihrem Gesicht. Was niemand wusste war, dass Alice beschlossen hatte, in London zu studieren, weil sie wusste, dass ihr Vater mit seiner neuen Familie dort lebte. Als Kind hatte sie oft diesen Ort zusammen mit ihren Großeltern besucht und war damals schon sehr verzaubert von der englischen Hauptstadt gewesen. Dann als Jugendliche fand Alice heraus, dass ihr Vater, der sie verstoßen hatte als sie noch nicht einmal auf dieser Welt war, in London arbeitete und lebte. Außerdem erfuhr sie, dass er mittlerweile eine neue Frau und zwei Kinder hatte. Und auch wenn sie es niemals laut zugeben würde, war sie eifersüchtig. Eifersüchtig auf seine neue Familie. Eifersüchtig auf deren Glück. Deshalb ging sie nach London studieren. Um ihren Vater und ihren Halbgeschwistern näher zu sein. Gesprochen hatte sie bis jetzt mit keinem der beiden. Zu schmerzhaft ist das Gefühl der Zurückweisung noch in ihr verankert. Jedoch erzählte sie Noah davon nichts. Stattdessen antwortete sie einfach: „Ich liebe die Stadt und studiere deswegen an der City University.“ Nachdenklich musterte Noah sie. Nach einigen Sekunden meinte er: „Weißt du, eine Fähigkeit die ich wahrscheinlich von meiner Mutter geerbt habe, ist, dass ich recht gut darin bin, Menschen zu lesen. Ich merke, dass da noch mehr dahintersteckt. Ich will dir einfach nur sagen, dass du dich bitte nicht gezwungen fühlst, mir irgendwas zu erzählen. Ich bin immerhin ein fast Fremder im Zug, der dir Kekse angeboten hat. Wenn dir ein Thema unangenehm ist, dann sag mir das einfach. Mein Ego wird das sicher verkraften.“ Ein leichtes Lächeln breitete sich in ihrem Gesicht aus.

Anstatt auf das Gesagte einzugehen, fragte Alice: „Was bringt dich nach London?“ „Meine große Schwester. Sie ging vor ungefähr 9 Jahren nach London, um ihren Traum einer kleinen Bäckerei zu verwirklichen. Ich bin ihr dann vor 6 Jahren gefolgt, hab studiert und arbeite jetzt, wie bereits erwähnt, in der Stadt.“ Aufgeregt rief sie: „Die Kekse stammen von deiner Schwester, oder?“ Noah entwich ein lautes Lachen. Plötzlich hörte Alice hinter sich ein älteres Ehepaar, dass sich über den Lärm beschwerte. Schuldbewusst drehte sie sich um und entschuldigte sich. Als ihr Blick wieder auf Noah landete, lächelte dieser sanft und meinte: „Ja, die Kekse sind von meiner Schwester.“ Ein wenig leiser, fuhr Alice fort: „Wieso unterhalte ich mich dann eigentlich mit dir, wenn deine Schwester eindeutig der gute Fang in der Familie ist?“ „Ach, Alice. Wieder einmal verletzt du meine Gefühle. Das wird ja schon fast zur Gewohnheit. Leider muss ich dich enttäuschen. Meine Schwester ist glücklich verheiratet und hat eine kleine Tochter. Da musst du dich wohl mit mir zufriedengeben.“ Sanft lächelte sie ihn an und meinte: „Muss ich wohl.“ Alice verharrte in ihrer Position, als sie Noahs intensiven Blick bemerkte. Stumm musterten sie sich, kosteten jede Sekunde dieses Momentes aus, ohne die Bedeutung hinter ihren Gefühlen zu verstehen.

Der Zug von London nach Birmingham kämpfte sich durch das heftige Schneetreiben, die Außentemperaturen wurden immer kälter, der Weg sehr viel beschwerlicher. Doch davon bekamen die zwei jungen Menschen im Inneren nichts mit. Denn während sie einfach nur dort saßen, sich musterten, schlugen ihre Herzen schneller, erwärmten die Welt um sie herum. Denn gegen ihr gemeinsames Lachen hatte der stärkste Winter keine Chance.


Diese Geschichte ist Teil unserer Advents-Anthologie ‚A pocket full of Love‘, welche am 27.12.2019 erscheint. Sie kann hier bereits vorbestellt werden:
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