Adventskalender

Christmas Fails

Der Geruch von Zimt und Lebkuchen lag in der Luft. Ein paar Schritte weiter zog ihnen eine warme Wolke frisch gebrannter Mandeln in die Nase. Stetig untermalt von weihnachtlichen Klängen, die, in welchem Geschäft sie auch waren, aus den Lautsprechern des Einkaufscenters drangen. Melissa war in ihrer persönlichen Hölle angelangt. Schon seit zwei Stunden wurde sie von ihrer Mutter durch die Geschäfte geschleift, und wie jedes Jahr, wurde von dieser versucht, ihr Weihnachten etwas näher zu bringen.

Schon von Kindestagen an konnte Melissa nichts Tolles an Weihnachten finden. Ihr Dad war genervt, ihre Mom im Dauerstress, dazu wirkte sie wie ein Frettchen auf Speed und ihre Brüder heckten nur Unsinn aus. Also waren die Weihnachtsfeiertage das Highlight ihres persönlichen Martyriums – für Melissa Grund genug, sich davon fernzuhalten. Selbst die schönen Dinge, die die Feiertage mit sich brachten, konnten sie nicht umstimmen. Sie war eben schon immer ein kleiner Dickkopf, machte ihr eigenes Ding. Und gerade bei so etwas wie Weihnachten, ließ sie sich erst recht nicht umstimmen. Nicht umsonst hatte ihre Familie ihr liebevoll den Kosenamen ‚Lady Grinch‘ gegeben.

„Nun guck‘ nicht so“, grummelte ihre Mutter schmunzelnd und stupste ihre Tochter gegen die Schulter, bevor sie ihr einen Becher Punsch in die Hand drückte. Natürlich mit Schuss, nicht wie für sich selbst alkoholfrei. Schließlich musste sie noch fahren. Doch Melissa konnte, ihrer Meinung nach, gerne einen ordentlichen Schuss gebrauchen. Noch nicht ein einziges Mal, hatte sie ihr die letzten Stunden über ein Lächeln abringen können und so musste sie schwerere Geschütze auffahren. „Mom, da ist Alkohol drin. Ich muss später noch fahren“, murrte Melissa und zog ihre Brauen grimmig zusammen. „Ach bis dahin … und zur Not schläfst du bei uns.“ Sie sprach es nicht aus, dachte es sich nur. Eher würde die Hölle zufrieren, als dass sie an den Feiertagen über Nacht bei ihren Eltern bleiben würde. Ihre Brüder Cameron und Miles waren neunzehn und zweiundzwanzig, und mit genügend Eggnog und Punsch, an den Feiertagen noch einfallsreicher als sonst. Gerade weil sie Weihnachten nichts abverlangen konnte. „Ach, bis dahin ist das wieder raus. Es ist ja noch früh“, redete Melissa sich heraus und nahm einen großen Schluck Punsch. Wenigstens wärmte dieser und unheimlich lecker war er ebenfalls. Sie betrachtete seufzend den Becher in ihrer Hand.

Sie wusste, ihre Mutter hätte sie gerne die ganzen Feiertage bei sich. Seit Melissa für ihren neuen Job von Chicago nach Milwaukee gezogen war, sahen sie sich nur noch an Geburtstagen und zu den Feiertagen. Sie vermisste ihre Eltern oft, wenn sie in ihrer kleinen Zweizimmer Wohnung saß und aus dem zweiten Stock aus dem Fenster in die Ferne sah. Sie rückte ihre Pudelmütze zurecht und strich sich ihre haselnussbraunen Haare aus der Stirn. „Lass uns den Rest besorgen und dann zurück nach Hause. Es ist noch genug zu tun und ich befürchte, von den Männern ist keine Hilfe zu erwarten“, sagte Melissa und leerte ihren Becher. Wie erwartet, herrschte im Hause der Walkers das gemütliche, männliche Chaos. Luke, der Vater gab seinen beiden Söhnen Anweisungen, wie sie den Weihnachtsbaum aufzustellen hatten. Dies wurde zur Herausforderung, denn alle hatten bereits zu tief in den Eggnog geschaut. Einzig Muffin, der zottelige, kleine weiß-braune Mischling der Familie hatte den Überblick. Er saß auf dem Sessel in der Nähe des Kamins und sah hin und her, neigte sein Köpfchen und freute sich wie ein König, wenn er heimlich, zum bestimmt zehnten Mal, ein Stück Keks bekam. Und das, obwohl er das eigentlich gar nicht durfte. Nur weil sie ihre Familie so sehr vermisste, hielt es sie länger, als geplant am Christmas Eve in Chicago. Eigentlich war es Unsinn, sich jetzt so spät noch auf nach Milwaukee zu machen. Niemand wartete dort auf sie – außer vielleicht ihre Nachbarin Terry.

„Bist du dir sicher, dass du jetzt noch fahren möchtest?“, fragte Miles und sah in den grauen Himmel, von dem es unaufhörlich schneite. „Ja, das möchte ich. Du bist doch ein lieber Bruder, nicht wahr?“, antwortete Melissa und hakte sich bei Miles ein, zog ihn mit nach Draußen. „Schnapp dir den Besen und hilf mir schnell, mein Auto freizumachen.“ Grummelnd setzte Miles sich in Bewegung, auch Cameron half ihnen und nach einem herzlichen Abschied, mit dem Versprechen Übermorgen wieder da zu sein, machte Melissa sich auf den Weg. Innerorts war es kein Problem. Die Straßen waren zwar schneebedeckt, aber es ging problemlos vorwärts. Doch sobald sie Chicago verlassen hatte, wurden die Straßen ungemütlicher. Im Radio sprachen sie von Schneestürmen und dass die Menschen lieber den Wagen stehenlassen sollten. Räumungsfahrzeuge wären unterwegs, aber überlastet. Dann gab es auf dem Highway einen schweren Unfall. Vollsperrung. Melissa war gezwungen, den Highway zu verlassen und die noch unwegsameren, kleinen Nebenstraßen zu nehmen. Ihr Scheibenwischer kam kaum noch gegen den Schnee an, der gegen ihre Windschutzscheibe klatschte und so langsam kam ihr selbst der Gedanke, dass es eine Schnapsidee war, bei dem Wetter loszufahren. Doch nun war es geschehen und sie musste gucken, wie sie aus dem Schlamassel wieder herauskam. Sie fuhr eine verlassene Straße entlang, nur die Spuren im Schnee, zeigten ihr, wo die Straße entlangführte. Leider konnte sie aufgrund des Schneesturmes die nächste Rechtskurve erst viel zu spät sehen und geriet in Panik. Sie riss das Lenkrad herum, gab Vollgas und entschied sich damit für den falschen Weg. Sie schlitterte mit quer gestelltem Wagen in der Kurve geradeaus – direkt in eine Schneewehe. „Nein, nein, nein … das kann doch nicht wahr sein!“, fluchte sie und schlug mit der flachen Hand auf ihr Lenkrad. Sie steckte in der Schneewehe fest, während aus dem Radio ‚White Christmas‘ dudelte. Ein Blick nach links und sie ließ ihre Stirn ebenfalls auf das Lenkrad sinken, wimmerte leidend. Auf der Fahrerseite ragte der Schnee bis über den Wagen und alle Versuche, sich loszufahren, scheiterten. Anstatt dass sie sich freute, dass ihr weiter nichts passiert war, fluchte sie wie ein Rohrspatz, während sie auf ziemlich umständliche Weise auf den Beifahrersitz kletterte. Dabei blieb sie mit dem Gürtel ihrer Strickjacke an der Handbremse hängen.

„Verdammte Scheiße … ich weiß schon, warum ich-“, sie zerrte umständlich an dem Gürtel, wobei sie sich selbst schon auf allen Vieren auf dem Beifahrersitz befand. „… diese Tage so hasse.“ Während diese Worte ihren Mund verließen, öffnete sich die Beifahrertür. „Ist alles in Ordnung bei ihnen, Miss?“ Langsam hob sich Melissas Blick und sie sah in zwei, besorgt auf sie blickende Augen. Sie blinzelte ihm entgegen. Sein Gesicht erhellt durch das Farbspiel der Lichter seines Streifenwagens. „Ich … ich hänge hier irgendwie … fest“, murmelte sie. Keine zwei Sekunden später beugte der Officer sich zu ihr in den Wagen und tastete nach dem, was sie gefangen hielt. „Halten Sie kurz still. Das haben wir gleich“, sagte er mit beruhigender Stimme und beugte sich über Melissa. Ihr Blick lag dabei auf seinem Schritt. Sie konnte ja nichts dafür. Sie wäre auch lieber in einer anderen Position gewesen, als auf allen Vieren, als er die Tür öffnete. Mit wenigen Handgriffen hatte der Officer sie befreit und kam wieder aus ihrem Wagen hervor. „Geben sie mir ihre Hand und passen sie auf beim Aussteigen“, bat er Melissa, die sofort seine Hand ergriff und sich aus dem Wagen helfen ließ. Doch gerade hatte sie den zweiten Fuß in den Schnee gesetzt, da rutschte sie weg und der Officer musste erneut Hilfe leisten, indem er seine Arme um sie schlang, um sie auf den Beinen zu halten. Melissa klammerte sich in seine Oberarme und sah peinlich berührt und wie in Zeitraffer zu ihm auf, begegnete dabei seinem umwerfenden Lächeln. „Ich sagte doch, aufpassen beim Aussteigen. Es wäre doch eine Schande, wenn sie über die Feiertage auch noch einen gebrochenen Fuß hätten.“

Am liebsten hätte Melissa ihm an den Kopf geworfen, wie viel sie von den Feiertagen hielt, doch er hatte etwas an sich, dass sie verstummen ließ. War es sein Lächeln, weshalb sie sich jeglichen abfälligen Kommentar über Weihnachten verkniff? Oder lag es an seinem angenehmen Duft, der ihr, so nah an ihn gepresst, in ihre Nase schlich? Vielleicht aber auch seine starken Arme, die sie so sicher festhielten. „Miss?“ „Mhm? Oh, entschuldigung“, stammelte sie und drückte sich schnell wieder von seiner Brust ab. Sie klopfte noch einmal vorsichtig auf seine Jacke, auf Brusthöhe, gleich neben seinem Namenschild. Brandon. Officer Mark Brandon war auf dem Weg nach Hause, als er auf Melissa traf. Er rechnete schon mit dem Schlimmsten, denn in den letzten Tagen, hatte das Wetter viele Opfer gefordert. Umso erleichterter war er, als er die Beifahrertür öffnete und die junge Frau ihn putzmunter anblinzelte. „Da werden wir heute nicht mehr viel ausrichten können. Kann ich sie hier irgendwo absetzen?“, fragte er und sah sich kurz zu seinem Police-SUV um. Er fragte sich, wie es sein konnte, dass so eine junge Frau, an so einem Tag um diese Zeit, bei dem Wetter, allein unterwegs sein konnte. „Das wäre zu weit. Ich komme aus Chicago und bin auf dem Weg nach Milwaukee. Nur wegen dem Unfall auf dem Highway befahre ich diese Straße.“

Der Officer drehte sie an der Schulter vorsichtig zu ihrem Wagen und hielt ihr die Tür auf. „Nehmen sie ihre Wertsachen mit. Sie kommen mit zu mir.“ Melissa schlugen dicke Schneeflocken ins Gesicht und machten auch nicht vor ihrem offenen Mund halt. „Na los? Umso länger wir warten, desto mehr verschneien die Straßen.“ Er machte eine auffordernde Handbewegung, und trieb Melissa an, sich zu beeilen. Sie steckte ihren Kopf in ihren Wagen und stopfte alles Wichtige in die Tasche. Nach einem prüfenden Blick kletterte sie wieder heraus und schlug die Wagentür zu. „Ich wäre dann soweit“, sagte sie, klammerte sich an ihre Tasche und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie in Wahrheit fror. „Wirklich?“, fragte der Officer und sah sie prüfend an, wobei er die Wagentür wieder öffnete. Er grinste und lehnte sich in den Wagen, wo er den Zündschlüssel abzog. Wieder aus dem Wagen, schlug er die Tür zu und verriegelte ihn. „Das wäre ziemlich leichtsinnig gewesen, Miss“, sagte er mit einem Zwinkern und drückte ihr den Schlüssel in die Hand. „Kommen Sie, steigen Sie ein. Sie sehen aus, als könnten sie etwas Warmes gebrauchen.“ Er war schnell um seinen SUV herumgelaufen und eingestiegen. Melissa haderte mit sich. Doch sie hatte keine andere Wahl. Hier war niemand weit und breit und aufgrund des Schneesturmes, konnte sie nicht einmal irgendein Licht eines Hauses sehen. Alles war trüb und dunkel. „Er ist Officer, er wird mir schon nichts tun“, flüsterte sie und zog die Beifahrertür des SUV auf, um einzusteigen. Sie schob die bösen Gedanken von Psychopathen und Serienmördern beiseite und seufzte stattdessen wohlig auf, als die Wärme des Wagens sie umgab.

Anstatt loszufahren, starrte Officer Brandon sie an. Melissa erwiderte seinen merkwürdigen Blick und hob dabei fragend ihre Braue. „Was?“, fragte sie vorsichtig und neigte ihren Kopf. „Anschnallen“, brummte er lächelnd, beugte sich vor und griff um sie herum, um ihr den Sicherheitsgurt anzulegen. Nachdem dieser eingerastet war, setzte er den Wagen in Bewegung. „Es ist nicht weit. Sie haben Glück, dass ich länger Dienst hatte. Sonst wäre hier sicher die nächsten Stunden niemand vorbeigekommen. Haben sie die Warnungen im Radio nicht gehört?“ „Doch schon. Aber ich wollte nach Hause.“ Sie hätte auch sagen können, sie war auf der Flucht vor Weihnachten, doch auch dieses Mal verkniff sie es sich. Vielleicht war es der kleine Mistelzweig, der am Rückspiegel baumelte? Die Spekulatius, die in der Mittelkonsole aus einer Packung lugten? Nein, bis jetzt war es noch der Anstand. Außerdem saß Melissa noch der Schock in den Knochen. Auch schmerzte ihre linke Schulter etwas. Der Aufprall war wohl stärker, als gedacht. Dafür, dass es nicht weit war, brauchten sie dennoch gut eine halbe Stunde, bis sie eine verschneite Auffahrt hochfuhren. Es war ein kleines Häuschen im Blockhausstil, mit einer angrenzenden Garage in einer kleinen Siedlung. Irgendwie beruhigte es Melissa, dass Officer Brandon Nachbarn hatte. Soweit konnte sie die Serienmörder und Psychopathen doch noch nicht beiseiteschieben.

„Kommen sie“, forderte er sie auf, auszusteigen, und ihr zu folgen. Melissa sah sich um. Sie konnte nichts Beängstigendes entdecken, schulterte ihre Tasche und stapfte ihm durch den Schnee hinterher zur Haustür. „Und Ihre Familie wird auch nichts dagegen haben, wenn sie mich einfach so mitbringen?“ Melissa hatte während der Fahrt schon versucht, irgendein Indiz zu finden, dass auf eine Frau oder Freundin hindeutete. Doch sie konnte weder einen Ring ausfindig machen, weil er Handschuhe trug, noch hing irgendwo ein Bild einer Liebsten. „Ach was. Die sind froh, wenn ich über die Feiertage nicht alleine bin“, sagte er flapsig und schob Melissa in den Hausflur. Dort zog er sich seine Stiefel von den Füßen und die Mütze vom Kopf. „Bitte Schuhe ausziehen, da bin ich eigen“, sagte er lächelnd mit Blick auf Melissas Schuhe, während er sich die Jacke auszog. Melissa konnte einen Moment ihren Blick nicht von ihm abwenden. Er war viel jünger, als sie angenommen hatte. Und er sah verdammt gut aus. Seine dunklen Haare fielen ihm in die Stirn und seine grauen Augen sahen Melissa neugierig an, als er langsam auf sie zukam. „Ist alles in Ordnung?“ „Äh ja. Ja.“ Schnell streifte sie ihre Schuhe ab und so durcheinander wie sie war, drückte sie ihm die Tasche in die Hand, um sich die Jacke auszuziehen. Mark beäugte die Tasche mit zuckenden Mundwinkeln. „Ich hoffe, Sie haben keine unerlaubten Gegenstände dabei?“, kam dunkel aus seiner Kehle, sodass Melissa für einen Moment erstarrte. Sie sah zu ihm auf und räusperte sich nervös, als er die Tasche anhob und abtastete. „Was? Nein. Himmel, nein“, stotterte sie und schüttelte dabei langsam ihren Kopf. Sie war so gefesselt von seinem Blick, dass schnellere Reaktionen nicht möglich waren. Doch Mark erlaubte sich nur einen Spaß und lachte kurz darauf auf, als er erkannte, wie sehr seine Besucherin durch den Wind war. „Das war nur ein Scherz, Miss. Nehmen sie mich nicht für zu ernst. Ich habe die letzten Tage so viel Elend und Leid gesehen. Ich muss wieder ich selbst werden, wenn ich Zuhause bin.“

Er drückte ihr die Tasche wieder in die Hand und gab ihr lächelnd per Handzeichen zu verstehen, dass sie weiter eintreten sollte. Nur wenige Schritte später kniff Melissa innerlich fluchend ihre Augen zusammen. Sie war in ihrer nächsten persönlichen Hölle angelangt. Weihnachtsbaum – wenn auch nur einfarbig geschmückt, Socken über dem Kamin und Weihnachtsgesteck auf dem Tisch, neben einer Schale aller Leckereien, die die Weihnachtszeit zu bieten hatte. „Setzen sie sich … wie heißen sie überhaupt?“, fragte Officer Brandon und griff hinter einen Vorhang am Fenster. Nach einem leisen ‚Klick‘ leuchteten Lichterketten rings um alle Fenster der Hausfront und spendeten warmes Licht. „Melissa und Sie?“, erwiderte sie und setzte sich auf die Wohnlandschaft gegenüber des Kamins. Ihre Handfläche fuhr sachte über die Decke, auf der sie saß. Doch als sie sah, was für eine Decke so flauschig und kuschelig schien, rollte sie mit den Augen. Rentier Rudolph in Comic-Form grinste sie an. „Mark“, antwortete er auf die Decke zeigend, „… die ist toll oder? Die hat meine Granny mir geschickt. Sie müssen wissen, der Rest meiner Familie ist in New York. Ich wurde erst vor einigen Monaten hierher versetzt.“ „Ja, sie ist … goldig.“ „Wollen sie etwas trinken? Einen Tee, eine heiße Schokolade? Kaffee oder Limo?“ Er stand im Durchgang zu seiner Küche und hielt sich abwartend am Türrahmen fest.

Für ihn war die Situation sicher genauso merkwürdig, wie für sie. Er war durch seinen Job den ganzen Tag eingespannt und da er erst seit kurzem hier wohnte, hatte er sich noch nicht wirklich einleben können. Außer seinen Nachbarn kannte er kaum jemanden, dabei war er in New York ständig auf Achse. Wenn er nicht arbeitete, war er mit Freunden unterwegs. Bowling, Clubnacht oder einfach Chill n‘ Grill bei ihm oder einem seiner Freunde. Das fehlte ihm hier extrem. Kurz: Er war froh über Gesellschaft. „Eine heiße Schokolade wäre toll. Gerne auch mit Schuss. Mit Fahren wird das heute ja nichts mehr“, sagte sie seufzend, streichelte noch einmal über Rudolphs grinsendes Gesicht und stand auf, um ihm zu folgen. Ihre Hände in die Hosentaschen geschoben, lehnte nun sie im Türrahmen und sah auf seine breiten Schultern, während er am Kühlschrank stand und Milch in einen kleinen Topf goss. „Was für einen Schuss hätten sie gerne, Melissa? Rum oder Amaretto?“ Er hatte sie gehört. Etwas, das er nie ablegen konnte. Seine Auffassungsgabe und sein gutes Gehör. „Mhm … Amaretto. Danke.“ „Sie mögen also süße Sachen? Dann müssen sie die Weihnachtszeit ja lieben“, sagte er bei einem Blick über seine Schulter, bevor er den Topf auf den Herd stellte und mit der Hüfte den Kühlschrank zu schlug. „Ja … ja sehr“, log Melissa, presste ihre Lippen aufeinander. Warum auch immer sie es tat. Vielleicht, um nicht seltsam zu erscheinen? Wie eine alte Frau mit zwanzig Katzen? „Waren sie auf dem Weg zu ihrer Familie?“, fragte er plötzlich und sah sie erschrocken an. „Werden sie erwartet, wollen sie jemanden anrufen? Wenn ja, hier ist gleich das Telefon.“ Er nahm den Hörer vom Wandapparat und hielt ihn Melissa vor die Nase.

Mark stand so dicht vor ihr, dass Melissa aufsehen musste, um seine leuchtend grauen Augen zu erreichen und auch Mark war von ihrem Blick einen Augenblick zu lange gefangen, als ihm lieb war. Er fand ihre tollpatschige Art niedlich, doch wirklich schlau wurde er aus ihr noch nicht. Ihre grünen Augen gefielen ihm jedoch sehr, und er konnte sich erst von ihnen trennen, als Melissa den Hörer griff und versuchte, diesen, ohne hinzusehen, wieder einzuhängen. Sie war schon ziemlich durch den Wind. Mark lachte leise auf. „Nein, es wartet keiner. Ich bin allein in Milwaukee“, war das einzige, was aus ihrem Mund kam, bevor sie beide von dem Geräusch der überkochenden Milch aus ihrer Träumerei gerissen wurden. „Shit!“, fluchte Mark und eilte zum Herd, wo er schnell den Topf von der Flamme zog. „Ich würde sagen, die ist heiß.“ Schmunzelnd stellte Melissa sich neben ihn und sah ihm dabei zu, wie er das Schokoladenpulver in die Milch rührte. „Auch etwas Zimt?“ Melissa nickte, auch wenn sie Zimt allein wegen der Jahreszeit boykottierte, obwohl sie es mochte. Mark ließ die Milch noch einmal aufblubbern und verteilte sie dann in die beiden großen Weihnachtstassen. Weihnachtstassen! Melissa presste ihre Lippen aufeinander. Doch dem war noch nicht genug. Mark setzte noch einen drauf und versenkte Löffel mit Zuckerstangenstielen in den Tassen, gab jedem einen guten Schuss Amaretto hinein und streute sogar noch Mini-Marshmallows oben drauf. Er war zum Niederknien. Melissa beobachtete jeden seiner Handgriffe und blieb nicht nur einmal an seinen Händen hängen. Es war eine ihrer Schwächen bei Männern. Schöne maskuline Hände zogen sie an. Samtpfotigen Kerlen konnte sie nichts abverlangen. Mark drückte ihr eine der beiden Tassen in die Hand und stieß mit ihr an. Es faszinierte sie, wie lässig er war. Sie kannten sich keine Stunde und er ging mit ihr um, als würden sie sich bereits ewig kennen. So verwunderte er sie erneut, als er sich an den Tiefkühler stellte und an seiner Tasse nippte. „Käse Maccaroni oder Tiefkühlpizza?“ Langsam drehte er sich zu ihr und hob seine Braue, lächelte. Dieses Lächeln allein brachte Melissa durcheinander. Wenigstens war es kein Weihnachtsessen und so entschied Melissa sich für Tiefkühlpizza. Mark nahm die Pizza und entfernte Karton und Folie, schob zwei Pizzen in einen Pizza-Turm und stellte diesen in den Ofen. Zwanzig Minuten später saßen beide auf der Couch. Beide einen Teller Pizza auf dem Schoß und ihre Tassen vor sich auf dem Couchtisch.

Mark wollte es Melissa so angenehm wie möglich bei ihm machen. Das lag in seiner Natur. Er kümmerte sich damals in New York auch gerne um seine Freunde und Familie. Eine komische Stille zwischen ihnen beiden wollte er auch umgehen und griff nach seiner Fernbedienung. Wenn sie Weihnachten so mochte, würde sie die Filme, die gerade auf jedem Sender auf und ab liefen, lieben. „Schöne Bescherung oder die Geister, die ich rief? Oder warte … Santa Claus – eine schöne Bescherung?“ Er leckte über seine Lippen und sah zu ihr. Sie kaute immer langsamer, denn alle drei Filme waren ein Graus für sie. Sie atmete tief durch und nahm Vorschlag Nummer eins. Während der Film anlief, aß Melissa nur noch langsam von ihrer Pizza. War es ein schlechtes Gewissen, was in ihr aufstieg? Sie ertappte sich immer wieder dabei, ihn zu mustern. Seine leuchtenden Augen zu sehen und wie sehr ihn der Film amüsierte. Und sie? Sie verschloss sich davor weil sie – wie ihre Brüder schon passend sagten – der Lady Grinch war. Dabei war der Film, von Weihnachten abgesehen, wirklich lustig. Kurz vor Ende des Filmes machte Mark ihnen noch Glühwein und feuerte den Kamin an. Melissa stand derweil am Fenster und sah raus in die verschneite Nacht. Sie konnte kaum zu den Nachbarn gegenüber auf der anderen Straßenseite schauen, so sehr schneite es.

„Setz dich, erzähle mir von dir“, bat Mark sie. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass er sich umgezogen hatte und nun in Jogginghose und Sweater unweit von ihr im Wohnzimmer stand. „Ich befürchte, morgen geht hier gar nichts mehr“, murmelte Melissa und ging mit ihrem Glühwein in der Hand zu ihm, setzte sich. „Wir werden sehen. Mein Wagen kommt schon durch“, sagte er überzeugt und legte lässig seinen Arm auf der Rückenlehne der Couch ab. Dies beruhigte Melissa nicht wirklich, aber sie kam seiner Bitte nach und setzte sich wieder zu ihm. Er hatte die Rudolph-Decke beiseite genommen und legte sie ihr über die Beine. „Nicht, dass du frierst.“ Zwinkernd drehte er sich nun zu ihr und stützte seinen Kopf auf seiner aufgestellten Hand ab. Sein Blick machte sie nervös. Er musterte sie ungeniert und schmunzelte jedes Mal, wenn sich ihre Blicke trafen. Deshalb wusste sie auch nicht so recht, was sie über sich sagen sollte. Ihr schwirrte nur im Kopf herum, dass sie ihn von Anfang an belog und er war so nett und nahm sie mit hierher. Kümmerte sich um sie und war auch noch so unheimlich charmant dabei. Doch das alles hier setzte sie unter Stress. Stress, dem sie in Chicago entfliehen wollte. Und nun war sie wieder mittendrin in der Weihnachts-Blase. Vielleicht war es bereits Gewohnheit von ihr. Festgefahren seit Jahren.

„Also Melissa. Warum wartet kein Mann auf Sie in Milwaukee?“ Gute Frage. Wahrscheinlich, weil sie kaum einen Fuß vor die Tür setzte? Weil die Trennung von Adrian gerade einmal vier Monate her war und sie immer noch nicht wusste, was sie wollte? Aber wollte sie das einem Fremden aufs Brot schmieren? Vielleicht sollte sie einmal ehrlich zu ihm sein, dachte sie und holte tief Luft. „Ich habe mich vor vier Monaten von meinem Freund getrennt und mich seitdem eher in die Arbeit gestürzt, statt in irgendwelche Bars, um jemand neuen kennenzulernen.“ Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern und sah durch ihre langen Wimpern zu ihm auf. Er nickte, ihren Blick haltend und schien ebenfalls in Gedanken zu versinken. „Mhm. Da haben wir etwas gemeinsam.“ Er riss sich von ihren Augen los und nahm schnell einen Schluck Glühwein. „Was für Musik magst du? Abgesehen von Weihnachtsliedern jetzt natürlich.“ Sie schweiften ab. Mit der Zeit wurde auch Melissa lockerer. So erfuhr sie, dass Mark im gleichen Alter war wie sie – nämlich achtundzwanzig Jahre alt. Doch immer, wenn er das Thema Weihnachten anschnitt, bemerkte er ihren Stimmungswandel. Es war für sie Schwerstarbeit, ihre Abneigung zu verbergen. Gerade, wenn ihr Gegenüber so vernarrt in Weihnachten zu sein schien. Und noch so herzlich dazu. Es nagte an ihr. Sie hatte mit ihrem Verhalten seine Neugier geweckt und er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, was es war, dass sie jedes Mal so anspannte, wenn es sich plötzlich wieder um die Weihnachtszeit drehte. Als Melissa sich ins Bad entschuldigte, verschwand Mark in sein Schlafzimmer. Er wollte dem Ganzen noch eine Krone aufsetzen. Er hatte eine Vermutung und schlüpfte in einen seiner schlimmsten Weihnachtspullover und nahm für Melissa ein T-Shirt und eine Jogginghose von seiner Schwester mit. Das T-Shirt hatte es aber in sich. Es trug die Weihnachts-Schlümpfe vorne auf der Brust und Mark musste selbst lachen, als er es in den Händen trug. Es war ihm sogar etwas peinlich, Melissa dieses schlimme Teil unter die Nase zu reiben, doch vielleicht lockte er sie so aus der Reserve. Melissa rieb ihre noch etwas feuchten Finger aneinander, als sie langsam wieder auf die Couch zuging und ballte ihre Hände zu Fäusten, als sie seinen Weihnachtspullover erblickte. Ihre Hände sanken an ihren Seiten hinab. „Modeschau?“, fragte sie kurz angebunden und schob sich zwischen ihm und dem Couchtisch entlang, um sich zu setzen. „Ach, mir war gerade danach. Ich habe dir auch etwas mitgebracht. Du möchtest sicher nicht in den Sachen schlafen.“ Er nahm das rote Shirt mit blauen Figuren darauf von der Rücklehne der Couch und legte es auf ihren Schoß. „Keine Sorge. Es ist von meiner Schwester, nicht von einer Verflossenen.“

Während er das sagte, beobachtete er sie genau. Dies schien sie weniger zu interessieren, als das Motiv an sich. „Wenn du magst, kannst du dich im Bad umziehen. Ist doch sicher bequemer, als in Jeans hier zu sitzen“, sagte er und biss sich lachend auf seine Lippe. Er sah, wie sie die Brauen zusammenzog und den Stoff in ihren Händen am liebsten zerfetzte, statt ihn anzuziehen. Doch Melissa nahm noch die Jogginghose und ging mit beidem in der Hand Richtung Bad. „Gibt es einen Weihnachts-Sampler, den du besonders magst? Ich suche ihn schnell im Netz raus und-“ „Stopp!“, rief Melissa, blieb mit dem Rücken zu ihm stehen und kniff angespannt ihre Augen zusammen. Die Sachen in ihren Händen presste sie gegen ihre Brust und drehte sich, mit immer noch geschlossenen Augen zu Mark um. „Ich habe keinen Lieblings-Sampler. Ich habe auch keinen Lieblingsfilm an Weihnachten. Ich hasse Weihnachten …“, sagte sie mit immer leiserer Stimme und öffnete ihre Augen. Mark war aufgestanden und befand sich direkt vor ihr. Er konnte sich sein Schmunzeln kaum verkneifen. „… und es macht mich fertig, dich weiter anzulügen. Du bist so nett und machst dir solche Mühe mit allem … mein Gott Mini-Marshmallows.“ Sie ließ reuevoll ihren Kopf sinken und schnaufte aus. Mark war froh, dass sie endlich aus sich rauskam und ihm die Wahrheit sagte. Er trat noch einen Schritt näher an sie heran und streichelte vorsichtig an ihren Oberarmen auf und ab. „Endlich bist du ehrlich“, sagte er leise und bewirkte damit, dass sich ihr Kopf langsam wieder hob, bis sie ihm in die Augen sah. „Ja, du hast richtig gehört, Melissa. Ich habe schon recht früh gemerkt, dass du mit Weihnachten nicht viel anfangen kannst. Ich wäre ein schlechter Polizist, wenn ich so simple Schwindeleien nicht merken würde.“ Ihre Lippen öffneten sich verdutzt, doch von seinen Augen trennen, konnte sie sich auch nicht – von seinem umwerfenden Lächeln erst recht nicht. Seine ganze Aura umgab sie und das auf eine so vertraute Weise, dass es ihr eine Gänsehaut bescherte.

„Melissa halte mich nicht für bescheuert, … aber glaubst du an Schicksal?“, wisperte er und ließ seine Hände von ihren Armen über die Schultern zu ihrem Hals gleiten. Seine warmen Daumen streichelten mit Bedacht über ihren Kiefer, während er sich wie schon so oft an diesem Abend in ihren Augen verlor … oder auf ihre einladenden Lippen starrte. „Ja, das tue ich … aber-“ „Ich glaube nämlich, dass es Schicksal war, dass du mir heute im Schnee vor den Wagen geschliddert bist. Eine Person, wie ich sie noch nie getroffen habe und mir doch so vertraut erscheint, dass es mich erschreckt, mit jedem Gespräch, das wir beginnen.“ Er biss sich auf seine Lippe und schüttelte seinen Kopf. „Dass du Weihnachten hasst, ist schade und dies gerade für jemanden wie mich. Ich liebe diese Zeit. Die Gemütlichkeit und … ach egal.“ Er ließ von ihr ab und trat einen Schritt zurück, doch Melissa griff nach seiner Hand und hielt ihn fest. „Ich empfinde es doch genauso. Es ist unheimlich, wie wohl ich mich hier fühle, obwohl hier alles nach Weihnachten schreit. Des-deshalb konnte ich auch nicht länger … lügen. Es tut mir leid, Mark. Das war unfair von mir.“ Sie zupfte mit ihrer freien Hand an seinem schrecklichen Weihachtspullover und sah dann zu ihm auf. Er nahm ihre Hand fester in seine und führte sie zurück zur Couch, setzte sich und zog sie dicht neben sich. „Ich muss mich auch entschuldigen. Es war gemein von mir, dich so zu quälen, wo ich doch Ahnung hatte, was mit dir los ist.“ Sein Daumen streichelte sanft über ihren Handrücken. Die Stelle, die er auch fest im Blick hatte. „Ich bin ehrlich zu dir. Ich habe sowas noch nie erlebt, und in meinem Job habe ich schon so einiges erlebt“, fuhr er leise fort und streichelte weiter ihre Hand zwischen seinen Fingern. „Wollen wir schauen, was das Schicksal noch für uns bereithält? Auch wenn hier alles für dich so schrecklich erscheint, als befändest du dich in Graf Draculas Weihnachtshöhle?“ Melissa schnaufte auf, zog ihren Mund schmunzelnd zu einer Schnute und griff an Mark vorbei nach der Rentier Decke. Zog sie über sie beide, streckte ihre Beine aus und wackelte grinsend mit ihren Zehen. „Aber nur, wenn du mir noch eine heiße Schokolade mit Marshmallows machst.“

Das Schicksal geht oft die unglaublichsten Wege, erst recht an einem verschneiten Weihnachten, in der Fremde. Man muss sich nur trauen, diese auch zu gehen. Frohe Weihnachten.


Diese Geschichte ist Teil unserer Advents-Anthologie ‚A pocket full of Love‘, welche am 27.12.2019 erscheint. Sie kann hier bereits vorbestellt werden:
Zum Buch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: